Social Banking: Der neue Kosmos

Der Begriff „Social Banking“ erlebt derzeit eine Renaissance. Hoch spezialisierte finanzielle Netzwerke bilden einen neuen kleinen Kosmos, der durch eine Vielzahl intelligenter Verknüpfungen ein bereicherndes Element des Finanzsektors darstellt. Gespeist aus Ursachen, die von besseren technischen Möglichkeiten bis zu den Umwälzungen der Finanzkrise reichen, streben die Peer-to-Peer-Plattformen einen neuen Umgang mit Geld an. Gleichzeitig befinden sich auch die klassischen Social Banks im Aufwind. Mit dieser Entwicklung hat ganz offensichtlich eine Ausweitung des Begriffs „Social Banking“ stattgefunden, der diesen Nischenmarkt möglicherweise in den Mainstream führt. | Marco Habschick, Mirko Bendig, Jan Evers

Noch in den 90er Jahren gab es Autoren, die das „Social“ im „Social Banking“ vornehmlich als „moralisch gut“ interpretierten. Social Banking war als die Entwicklung und Verbesserung von Finanzdienstleistungen definiert, mit denen gewinnbringend benachteiligte Gebiete, Gruppen und Wirtschaftssektoren erhalten und gefördert werden.

Traditionelles Social Banking: Marktvergrößerung
Nach diesem Verständnis dienen Bankgeschäfte zur Umsetzung verschiedenartig motivierter sozialer Anstöße und Anforderungen, im Gegenzug soll eine möglichst marktübliche Kapitalrendite anfallen. So versteht sich das klassische Social Banking als „Marktvergrößerer“: Problemgruppen und -gebiete sind mit dem herkömmlichen Instrumentarium der Banken nicht mit den gewünschten Renditen zu bedienen, weil sie entweder das Eingehen zu hoher Risiken erfordern oder zu hohe Transaktionskosten verursachen.

Hier lassen sich nur durch neuartige Methoden (zum Beispiel Stufenkredite) noch Marktpotenziale heben. Die besten Social Banks sehen ihre Funktion darin, diejenigen Kunden zu bedienen, die als nicht „bankfähig“ gelten. Hierfür ist eine ganzheitliche und interdisziplinäre Betrachtungsweise des Bankgeschäfts ebenso unverzichtbar wie flache Hierarchien und praktische, zupackende Konzepte.

Was „Social Banking“ der alten Definition dabei vom einfachen ethischen Investment unterscheidet, ist, dass Bedarf, Zielsetzung und Methodik zuerst da sind und nicht das Geld. Social Banking ist im Kern klassisches Bankgeschäft – und alles andere als „soft“ oder gar „sozialromantisch“. Die Schwerpunkte liegen in der KMU- und Gründungsfinanzierung, in Wohneigentum für Schwellenhaushalte, Konsumentenkrediten in Problemgebieten sowie Immobilienverrentungen.

In den Entwicklungsländern, aber auch in den Problemsektoren angelsächsischer Märkte haben sich längst hochprofitable Bankstrukturen für diese Spezialmärkte gebildet. International viel beachtet wurde bereits früh die Shore Bank, die auf die benachteiligten Stadtteile und Zielgruppen von Chicago ausgerichtet ist. In Europa ist unter anderem der Wirtschaftsförderer Association pour le Droit a l’Initiative Economique (ADIE), Paris, zu nennen, der sich – wenngleich staatlich subventioniert – mit klaren Zielgruppenkonzepten, innovativen Instrumenten und hohen Stückzahlen der Existenzgründung aus schwierigen Lebenslagen widmet. In Deutschland gab es lange Zeit vor allem die GLS Bank als Vorreiterin. Wie auch die Handvoll anderer Anbieter führte sie jedoch lange ein Nischendasein und dürfte dem größten Teil der Bevölkerung schlicht unbekannt sein.

Social Banking 2.0: Sozial in der Methode

Während also im traditionellen Social Banking das Social vor allem auf der Zielebene verankert und die privatwirtschaftliche Finanzdienstleistung als Instrument untergeordnet ist, wird bei den aktuellen Entwicklungen das „Social“ von den meisten Akteuren im Sinne von „gemeinsamem Handeln“ interpretiert. Die Finanzkrise hat Kunden zum Nachdenken darüber gebracht, was Banken mit ihren Einlagen eigentlich anstellen. Entsprechend geht es nicht immer um banktechnische Innovationen, stets aber um Transparenz und Kommunikation auf Augenhöhe.

Im Web-2.0-Kosmos übernimmt der Kunde die Regie, und durch die Interaktivität entsteht ein sozialer Raum von räumlich separierten Teilnehmern. Daher ist Smava beispielsweise zuallererst ein Marktplatz zwischen Kreditsuchenden und Anlegern. Er schaltet klassische Intermediäre aus und will eine Win-Win-Situation für Anleger und Kreditnehmer schaffen. Transparenz und Margenmaximierung für die Peers stehen bei Smava im Fokus, wie bei vielen aktuellen Social-Banking-Initiativen. Als Kooperationssysteme sind sie oft durch den Mechanismus „Man kennt sich – man hilft sich“ gekennzeichnet, das heißt: Die Nutzer arbeiten zusammen, um Angebote zu analysieren und sich gegenseitig zu beraten. Diese Community ist Interessengemeinschaft und Netzwerk zugleich. Das gab es beim klassischen Social Banking so nicht.

Wer nutzt Social Banking?
Es stellt sich die Frage, ob sich mit der Neudefinition des Begriffs die Zielgruppen verändert haben. Hier gibt es zwei Ebenen – die Kreditnehmer- und die Anlegersicht. Bei ersteren existieren spezifische Modelle für bestimmte Zielgruppen (meist „Non-Bankables“). Sie sind nicht nur aus sozialen Aspekten, sondern auch ökonomisch eine rationale Wahl, da sich Social- Lending-Aktivitäten durch hohe Rückzahlungsquoten von 95 % bis 99 % und – zumindest bis in die jüngste Vergangenheit – hohe Wachstumsraten auszeichnen. Hier scheint es große Überschneidungen beim traditionellen und neuen Social Banking zu geben. Smava beispielsweise ist nicht spezifisch auf „Non-Bankables“ ausgerichtet. Viele ihrer Kreditnehmer würden auch von einer Bank einen Kredit bekommen. Trotzdem finden sich bei Smava auch Personen, wie zum Beispiel Rentner aufgrund ihres Alters, die auf dem Kreditmarkt schlechte Chancen haben.

Aus Anlegersicht ging es immer schon um die Investition in ethische, soziale und ökologische Investments, da dieses Segment kaum von den etablierten Finanzintermediären bedient wurde. Nach alter Definition steht für Anbieter wie Triodos, GLS Bank oder Umweltbank der verantwortungsvolle Umgang mit Geld im Fokus, um hiermit einen kulturellen, ökologischen oder sozialen Mehrwert zu schaffen und nachhaltiges Wachstum zu initiieren.

Typische Klientel hierfür sind postmaterielle Anlegertypen, für die das Streben nach materiellen Gütern von geringerer Bedeutung ist, die aber gleichzeitig für jede Bank ein weit überdurchschnittliches Ertragspotenzial aufweisen. Eine ZEB-Studie Ende 2009 schätzte diese Kernzielgruppe in Deutschland auf über 6 Mio Kunden, von denen bisher nur 200.000 von Social Banks erschlossen sind. Hinzu kommen nun jene Nutzer, die einfach aufgrund der guten Renditen im Social Banking 2.0 aktiv werden, und andere, die grundsätzlich Transparenz haben wollen, wie ihr Geld verwendet wird.

Es lässt sich daraus die These ableiten, dass sowohl auf Kreditnehmer-als auf Anlegerseite die klassischen Zielgruppen weiter bestehen, wahrscheinlich jedoch aus dem Bereich der internet-affinen Web 2.0-Klientel Zuwächse erfolgen, die das Social Banking aus der Nische führen könnten.

Was hat das aktuelle Social Banking mit dem traditionellen gemein?
Grundsätzlich weisen beide Auslegungen eine Nähe zum selbstorganisatorischen Genossenschaftsansatz auf. Auch in der Charakteristik der Instrumente gibt es Überschneidungen. Sie sind individuell, pragmatisch, zielgruppenspezifisch und im weitesten Sinne interaktiv. Schlussendlich sind die Akteure im Spektrum zwischen den Polen „sozial als Ziel“ und „sozial als Methode“ unterschiedlich zu verorten ” 1. Eine Mischform stellen Plattformen wie http://www.fidor.de dar, insbesondere aber solche mit der Leitidee „Investieren statt spenden“ wie http://www.kiva.org, die Mikrokredite für Privatpersonen und Kleinstunternehmen in Entwicklungsländern vermitteln. Bei ihnen trifft sich die alte mit der neuen Definition des Social Banking.

Aktuell zeigen beide Lager ein dynamisches Wachstum: Der Trend zu Geldgeschäften, die direkt und transparent sind, zeigt sich am Darlehensvolumen bei Smava, in Deutschland Marktführer bei den Online-Kreditbörsen, das 2009 um 300 % auf 15 Mio € stieg. Zum Vergleich jedoch: Laut Bundesbankstatistik belief sich allein das Konsumenten- und Dispokreditgeschäft aller deutschen Kreditinstitute 2009 auf 158 Mrd €. Laut der erwähnten ZEB-Studie legen auch die Bilanzsummen der klassischen Social Banks zu, teilweise um 30 % p.a.

Ausblick
Das Web 2.0 hat den klassischen Social-Banking-Sektor neu belebt und in Teilen neu definiert. Trotz unterschiedlicher Herkunft und Entwicklung lassen sich drei Merkmale identifizieren, die für beide Kulturen hohe Relevanz haben:

  • individuelle, pragmatische und selbstorganisierte Herangehensweise,
  • zielgruppenspezifische Modelle,
  • hohe Transparenz über Leistungen und Gegenleistungen.

Vieles am traditionellen Social Banking war mehr Anspruch als Wirklichkeit und schmälerte letztlich nur die Renditen der wohlmeinenden Kunden. Hier besteht nun die Chance zur Weiterentwicklung der Geschäftsmodelle und Methoden. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, dass die Dynamik auch auf die klassische Finanzbranche überschlägt, denn eines ist offensichtlich: Seit der Finanzkrise werden die Banken verstärkt zur gesellschaftlichen Verantwortung gerufen und im Zeitalter von „Social Banking 2.0“ müssen sie transparenter machen, wohin ihre Effizienzgewinne fließen. Die „Netzgemeinschaft“ prüft genau, ob und wie dies einen „sozialen“ Nutzen stiftet.

Nicht nur an dieser Stelle knüpft das neue an das alte Social Banking an und weist in die Zukunft. So stellt sich möglicherweise nur die Frage, welches Szenario eher eintrifft: Dass die Social Banks aus der Nische kommen oder dass die Mainstream- Banken sich „sozialer“ aufstellen. Die Identifizierung einer neuen Kundenphilosophie hin zu mehr Transparenz einerseits und die Etablierung neuer Bankfunktionen über soziale Netzwerke andererseits wären eine in jedem Fall konsequente Weiterentwicklung des Finanzsystems.

Quelle: http://www.die-bank.de/it-und-kommunikation/der-neue-kosmos

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